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Rudolf Hickel
Professor für Finanzwissenschaft
Gesamtwirtschaftliche Kosten eines Kriegs gegen den Irak: Anschlag auf die Weltwirtschaft
"Krieg ist das ultimative Negativ-Nullsummen- spiel, bei dem die Beute der Sieger deutlich unter den Verlusten der Besiegten liegt."
aus: William D. Nordhaus, The Economic Consequences of a War with Iraq( 12/2002)
Die Interessen der USA-Administration, mit denen der Militärschlag gegen den Irak zu erklären versucht wird, sind sattsam bekannt. Vordergründig geht es um die Demontage von derzeit noch vermuteten Produktionspotenzialen für Massen-vernichtungswaffen. Im Zentrum steht der Sturz des unbestreitbar diktatorischen Hussein-Regimes. Die penetrante Reduktion aller möglicher Alternativen, mit de-nen dieses Ziel erreichbar wäre, auf Krieg, zeigt, es geht ausschließlich um Großmachtinteressen der USA - ohne Rücksicht auf die gesamte Region sowie die Bündnispartner in der Allianz. Ökonomisch gilt es, den Zugang zu den Öl-quellen im Irak wie überhaupt im Nahen Osten zu sichern. Der Irak (15,1 Mrd. Tonnen) verfügt nach Saudi-Arabien (35,4) und vor Kuwait (13,0) über die zweitgrößten Ölreserven der Welt. Weit vor allen anderen Industrienationen liegt der Ölverbrauch der USA bei 895 Millionen Tonnen pro Jahr. Zwar sprudelt das schwarze Gold immer noch kräftig aus den Quellen der USA. Nach Saudi-Ara-bien mit 379 Mio. Tonnen sind die USA der zweite größte Ölförderer mit 353 Mio. Tonnen. Je stärker jedoch heute die Vorkommen in den ölärmeren Regionen mit Einsatz hoher Kosten genutzt werden, desto entscheidender werden in Zukunft die Vorräte in der arabischen Wüste und umso mehr gewinnt das OPEC-Kartell an politischer Macht. Prognosen gehen bis zum Jahr 2020 von einer Verdreifachung des Ölbedarfs durch die USA aus. Die Abhängigkeit des Wirtschaftswachstums von Öl ist in den USA extrem hoch, weil auch zum Schaden der Umwelt auf eine Politik der Energieeinsparung und -substitution bisher verzichtet worden ist. Die USA deckt derzeit die Hälfte ihres täglichen Rohölbedarfs aus dem Ausland. Da-von stammen 20% aus Ländern am persischen Golf. Allein die tägliche Rohölför-derung des Iraks nach Auf-hebung der Sanktionen würde ausreichen, den größten Teil des Bedarfs der USA aus dieser Energiequelle zu bedienen.
Die US-Strategie reicht jedoch weltpolitisch weit über das Interesse am Ölstandort Irak hinaus (vgl. Ulrich Kienzle). Wie der Umgang mit den Verbündeten im "al-ten Eu-ropa", also nach dem US-Sprachgebrauch gegenüber den Ländern, die den durch die USA diktierten Waffengang nicht mitmachen, deutlich werden lässt, George W. Bush demonstriert der Welt, dass die USA als Weltpolizei in den kommenden Jahren ohne Rücksicht auf die Verbündeten schalten und walten wollen. Dafür wird die auch die Destabilisierung Europas sowie im Nahen Osten in Kauf genommen.
Kriegskosten berechnen und verkünden
Die ökonomischen Interessen sowie der totalitäre Anspruch auf die Definitions-macht bei der Lösung von Konflikten in der Welt erklärt wohl auch, warum auf ernsthafte Bewertungen der ökonomischen Folgen eines Krieges gegen den Irak verzichtet wird. Denn, werden die ökonomischen Vor- und Nachteile dieser Kriegsstrategie abgewogen, so fällt das Kosten-Nutzen-Kalkül Ergebnis nieder-schmetternd aus.
In der Sprache der ökonomischen Entscheidungstheorie werden gegenüber den durch die USA kalkulierten, allerdings selbst gefährdeten pro-fítablen Vortei-len ("Benefits") des Irak-Kriegs die gesamtwirtschaftlichen Kosten systematisch un-terschlagen. Die Rechnungen, die aus dem Pentagon bekannt ge-worden sind, er-fassen nur ei-nen Bruchteil der gigantischen Belastungen, übrigens ausschließlich für die USA. Die katastrophalen Folgen in den vielen anderen Ländern, wie über-haupt für die Weltwirtschaft werden komplett ausgeblendet. Da-mit bleibt die USA-Administration der alten Tradition, mit völlig unterschätzen Kosten frühere Kriege im eigenen Land politisch durchzusetzen, treu. So sind die Kosten des Ko-rea- und Vietnamkrieges ebenso wie die des ersten Golf-kriegs (1990-1991) auf die Erfassung der reinen Militärkosten reduziert worden. Dabei schreiben Fi-nanzge-setze in den USA vor, zu "öffentlichen Großprojekten" - und dazu zählt dieser Krieg - Kosten-Nutzen-Ana-lysen vorzulegen. Wenn diesem Gesetzesauftrag ge-folgt würde, müsste der Auf-marsch ins Kriegsgebiet sofort gestoppt werden. Die Busch-Administration weiß wohl genau, warum sie auf die alt bekannte Ver-schleierungstaktik setzt. Einiger-maßen angemessene Kostenschätzungen könnten die Akzeptanz derartiger Mili-täraktionen im eigenen Land gefährden. Auf der Ba-sis einer umfassenden Analyse der direkten und indirekten Kosten des Kriegs ge-gen den Irak würden auch die Drittwirkungen entzifferbar - nämlich die ökono-mischen Belastungen vieler Länder wie überhaupt der Weltwirtschaft. Selbst wenn Deutschland hoffentlich dabei bleibt, an diesem Krieg nicht teilzunehmen, die ökonomischen Lasten sind so oder so -, wie noch zu zeigen sein wird - enorm. Erst die schonungslose Auflistung der ökonomischen Gesamtkosten zeigt, wer am Ende in welchem Ausmaß an den Lasten beteiligt sein wird.
Also, politisch wie ökonomisch, die Bewertung der gesamtwirtschaftlichen Kos-ten ei-nes möglichen Kriegs gegen den Irak ist dringend erforderlich. Auch die Länder, die sich gegen die Teilnahme an diesem Krieg entschieden haben, müssen an der ökonomischen Wahrheit großes Interesse haben. Denn die Entscheidung der USA lösen über die weltwirtschaftlichen Folgen negative Wirkungen (externe Effekte) aus, denen sich die zwar nicht entscheidenden, jedoch betroffenen Länder nicht entziehen können. Wohl auch um die ganze Wahrheit zu verheimlichen, werden methodische und substanzielle Bedenken gegen die Berechnung von Kriegskosten eingewendet. Diese bekannten eingrenzbaren Schwierigkeiten recht-fertigen jedoch nicht den Verzicht auf die Kalkulation der Kriegskosten. Im Mit-telpunkt stehen letztlich nur die monetär bewertbaren Kosten. Die vielen Toten sowie das menschliche Elend durch einen Krieg lassen sich in einer solchen Kal-kulation se-riös nicht erfassen. Das ökonomische Rechenwerk belegt jedoch die verheerenden Wirkungen auf die ökonomische Wertschöpfung als Basis von Ein-kommenssicherung und der Arbeitsplätze. Die kurzweiligen ökonomischen Inte-ressen an diesem Krieg werden durch gigantische Gesamt-kosten völlig abgewer-tet. Dabei lassen sich zur Ermittlung der Kriegskosten Untersuchungen zu voran gegangen Kriegen produktiv nutzen. Forschungsarbeiten liegen nicht nur zu allen großen Kriegen vor, sondern auch zu Naturkatastrophen und jüngst zu den ökonomi-schen Folgen des internationalen Terrors (zu den ökonomischen Folgen des 11. Septembers). Eine hervorragende Position auf dem Gebiet der Unter-suchung der gesamtwirtschaftlichen Herausforderungen durch Krieg und Frieden nimmt der Begründer der modernen Makroökonomik, John Maynard Keynes, ein. Zu den Klassikern zählt sein im Juni 1919 erschienenes Buch "Die wirtschaft-lichen Fol-gen des Friedensvertrags". Nach Durchsicht der Verträge von Versailles zeigte er, dass die seitens der Alliierten Deutschland und seinen Verbündeten ab-ver-langten Entschädigungssummen nicht aufbringbar und daher "unklug und selbstmöderisch" seien. Weitsichtig warnte er vor dem politischen Debakel, in das diese nicht tragbaren Belastungen die Weimarer Republik stürzen mussten. Der Text macht zugleich die hohen Opportunitätserträge eines vermiedenen Krieges deutlich. Die Untersuchung widerlegt auch die heutigen Kriegs-treiber, die wohl auch den ökonomischen Verstand verloren haben. Die einigermaßen korrekte Erfassung der Kosten eines Krieges im Irak ist ausge-sprochen komplex und kompliziert. Unterschiedliche, allerdings nur monetär be-wertbare Kostenkomponenten sind zu unterscheiden. Da sind die direkten Kosten durch den Militäreinsatz. Deren Höhe hängt von der Länge und Intensität der Kriegsfüh-rung ab. Hinzu kommen die Kosten der politischen Besetzung nach dem Krieg sowie des Wiederaufbaus. Dabei ist auch der derzeitige Zustand von Staat und Wirtschaft im Irak zu berücksichtigen. Schließlich müssen die indirekten Kosten, die die Folgen für die Weltwirtschaft sowie die USA und die anderen ein-zelnen Länder erfassen, abgeschätzt werden. Hier spielt die Entwicklung des Öl-preises eine strategische Rolle. Die makroökonomischen Belastungen durch einen Ölpreisschock sind enorm. Aber auch Einflüsse auf den Außenwert des US $ und weiterer Wechselkurse sowie auf die Aktienkurse sind innerhalb der ge-samtwirtschaftlichen Analyse zu berücksichtigen. Zudem müssen die Reaktionen der Konsumenten, der Investoren sowie der Geld- und Finanzpolitik im makro-ökonomischen Gesamtkalkül berücksichtigt werden. Dabei wird das Ausmaß all dieser Effekte durch die Länge und Art der Kriegsführung maß-geblich bestimmt.
VOLKSWIRTSCHAFTLICHE (DIREKTE/INDIREKTE) KOSTEN EINES KRIEGES MIT DEM IRAK nach Berechnungen von William Nordhaus* (in Mrd. US $, Basis 2002)
S z e n a r i e n
Schwerpunkte der Kurzer Krieg Langer Krieg Kosten (Bad Case) (Worst Case) _________________________________________________________________
Militärische Ausgaben 50 140 (direkt)
Folgekosten (indirekt) für die Dekade von 2003 bis 2012
- Besatzung und Friedenserhaltung 75 500
- Wiederaufbau und Infrastruktur 30 105
- Humanitäre Hilfeleistungen 1 10
- Auswirkungen des Ölpreiseffektes -40 1) 778
- Makroökonomische Auswirkungen -17 2) 391 (Keynes Effekt)
Direkte und indirekte Kosten3) 99 Mrd. $ 1 924 Mrd. $ _________________________ 1) Angenommen wird, dass nach einem kurzen Krieg der Ölpreis pro Barrel deutlich sinkt (Bandbreite 20-25 US$) und dementsprechend volkswirtschaftliche Kosten abnehmen (positiver Effekt auf die Gesamtwirtschaft von 40 Mrd. $).
2) Beim Szenario "kurzer Krieg" kommt es nicht zu volkswirtschaftlichen Kosten, sondern zu positiven Effekten auf die Gesamtwirtschaft im Umfang von 17 Mrd. $ (Konsum- und Investitionsbereitschaft nehmen zu; mit den Gewinnerwartungen steigen wieder die Aktienkurse).
3) Nicht berücksichtigt sind die direkten und indirekten Kosten durch internationale Terroran-schläge. ____________________ Quelle: William D. Nordhaus, The Economics of a War with Iraq; Cowles Foundation for Re-search in Economic, Yale University, Discussion Paper Nr. 1387, December 2002 Die Analyse der Kriegsfolgen für die USA durch William D. Nordhaus
Eine umfassende und methodisch anspruchsvolle Abschätzung der volkswirt-schaftlichen Kosten eines Krieges mit dem Irak USA hat der hoch renommierte Wirtschaftsprofessor an der Yale-Universität, William D. Nordhaus, im Dezem-ber 2002 vorgelegt. Seine Analyse bezieht sich zwar nur auf die ökonomischen Folgen für die USA. Aus diesem Ansatz lassen sich jedoch Anknüpfungspunkte zur Untersuchung der ökonomischen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft, aber auch auf Deutschland ableiten. Diese Studie korrigiert auf der Basis des nicht un-wahr-scheinlichen schlimmsten Falls ("worst case") die verniedlichenden Angaben zu den Kriegskosten, die aus dem Pentagon in die Öffentlichkeit gedrungen sind. Die offiziellen Bewertungen reduzieren die Kosten auf die direkten Militärausga-ben. Auch die Untersuchung der "Democratic Staff of the House Budget Com-mittee" (House Study) unterschätzt die Gesamtkosten mit der angegebenen Spanne von 48 und 60 Mrd. $. Die Schätzbasis bilden die Preise aus den Anga-ben zum ersten Golfkrieg, die korrigiert werden ("top down"-Methode). Im un-günstigsten Fall geht das New War A-Szenario von einer kurzen Dauer des Krieges aus (30 Tage Kämpfe und 2 ½ Monate Nach-kriegspräsenz). Bei der Un-tersuchung durch das "Congressionell Budget Com-mittee" (CBO-Studie) wird die Kostenschätzung auf der Basis der wichtigsten Komponenten vorgenommen ("bottom up"- Me-thode). Die Gesamt-kosten belaufen sich im an-genommenen un-günstigen Falle auf 44 Mrd. $.
William D. Nordhaus fasst in seiner Studie die direkten und indirek-ten Kosten zu-sammen. Dabei unterscheidet er zwischen den drei Szenarien: bad case, worse case, worst case (vom minimalen bis zum maximalen Kriegsfall). Aus den durch-gerechneten Szenarien ergibt sich eine Bandbreite an volkswirt-schaftlichen Ge-samtkosten zwischen 99 Mrd. $ und 1924 Mrd. $. Der untere Wert gehört zum Szenario "bad case". In der beigefüg-ten Ta-belle sind die Kostenkom-ponenten dar-gestellt: Militärausgaben, Besatzung und Friedenserhaltung, Wieder-aufbau und Infrastruktur, humanitäre Hilfeleis-tungen, Auswirkungen des Ölpreis-effektes und makroökonomische Auswir-kungen. Bei dem "bad case" wird von kurzen Kampf-handlungen ausgegangen. Der Ölpreis fällt nach einem vorüberge-hend leichten Anstieg schnell und dauer-haft unter das heutige Niveau (Bandbreite 20-25 US $ ). Die Mili-tärausgaben sind vergleichsweise beherrschbar. Auch die Ausgaben für die Beset-zung und Friedenserhaltung, den Wiederaufbau und die Infrastruktur sowie für humanitäre Hilfe fallen gering aus. Von den Ölpreisen gehen in der ge-samtwirtschaft-lichen Wirkung sogar positive Effekte aus. Durch die schnelle Er-oberung des Irak und die für die nachfolgende Phase unterstellte politi-sche Stabi-lität sinkt der Öl-preis von derzeit ca. 30 $ pro Barrel deutlich unter 25 $. Durch entsprechende Kostenersparnisse bei den Konsumenten und Investoren würde die ökonomische Wertschöpfung um 40 Mrd. € zunehmen. Die gesamtwirtschaft-liche Wirkungen sind durch starkes Vertrauen, steigende Gewinne und sinkende Akti-enkurse sowie eine günstige Wechselkursentwicklung ebenfalls positiv (17 Mrd. $). Dieser "bad case" scheint das kalkulierte Wunschszenario der Bush-Ad-minist-ration zu sein. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass selbst hier Ge-samtkosten mit knapp 99 Mrd. $ entstehen. Dieses Szenario "Minimimierung der Schäden" ist je-doch insgesamt viel zu optimistisch. Im nicht unrealistischen "worst case" explo-dieren dagegen die Kosten auf 1 924 Mrd. $. Hierbei wird aus-gegangen von einem lang anhaltenden Krieg (mit Häuserkampf), der Zerstörung der Ölförderanlagen (auch in den Nachbarstaaten), dem Anstieg des Ölpreises auf 75 $ für längere Zeit so-wie von internationalem Gegenterror. Eine tiefe Vertrau-enskrise breitet sich aus und lähmt die Weltwirtschaft. Die Konsumbe-reitschaft nimmt massiv zugunsten des Angstsparens ab. Sinkende Ge-winnerwar-tungen füh-ren zum Rückgang der Sachinvestitionen. Die Aktienkurse spiegeln die pessi-mistischen Erwartungen wider; sie stürzen ab. Da der private Konsum mit sinken-den Vermögenswerten infolge der Verluste bei Aktienkursen eingeschränkt wird, zwingt der Ein-bruch dieses Nachfrageaggregats die US-Wirtschaft endgültig in die Rezession. Für die USA kommt es zu einer zusätzlichen Belastung hinzu. Der sich heute schon durchsetzende Verfall des US $ gegenüber dem Euro führt zu ei-nem Rückzug des ausländischen Kapitals aus den USA. Die Finanzierung des Doppeldefizits- öffentlicher Haushalt und Leistungsbilanzdefizit - durch auslän-disches Kapital bricht in sich zusammen. Die Vorteile aus der US $-Abwertung für die Exportwirtschaft vermögen diese Nachteile nicht aufzuwiegen. Die Geld-politik schaltet wegen wachsender Inflations-risiken - vor allem durch die hohen Ölpreise - auf restriktiven Kurs um. Die Fi-nanzpolitik verliert mit den wachsen-den Staatsschulden an Manövrierfähigkeit. Insgesamt stürzt die Gesamtwirtschaft in eine tiefe Rezession. Dieser ökonomi-sche Einbruch in den USA prägt jedoch auch die Weltwirtschaft und überträgt sich auf andere Industrieländer, insbeson-dere Deutschland. Dabei werden in die-sem Szenario nach Nordhaus zwei krisen-verschärfende, mit einander zu-sammenhängende Belastungen nicht berücksich-tigt. Einerseits würde ein Krieg im Irak die gesamte Region massiv destabili-sieren. Eine sich schnell ausbreitende islamische Bewe-gung könnte die Öloligar-chien in den Golfstaaten ergreifen und zum Einsturz bringen. Zum anderen wäre mit einem neuen Schub beim internati-onalen Terro-rismus im genährten Klima re-ligiösen Fundamentalismus zu rechnen. Ökonomi-sche Untersuchungen, die im Gefolge des 11. Sep-tember-Terrors in den USA ent-standen sind, belegen umfang-reich die sich daraus ergebenden ökonomischen di-rekten und indirekten Be-lastungen. Di-rekte Kosten entstehen durch Vernichtung von Sach-vermögen sowie den Aufwand für Sicherheitsmaßnahmen. Indirekte Wirkungen über den Vertrau-ensverlust von Konsumenten und Investoren sowie steigende Si-cherheitskosten treiben die volkswirtschaftlichen Schäden nach oben. Die Spal-tung zwischen Ar-men und Reichen würde sich nicht nur vertiefen.
Fazit: Ein Krieg gegen den Irak wäre nicht nur politisch sondern ökonomisch heller Wahnsinn.
Deutschland durch Kriegsfolgen in der Abwärtsspirale
Die massiven ökonomischen Schäden, die der Krieg gegen den Irak auslösen würde, blieben jedoch nicht nur auf die Kriegsregion und kriegsauslösende USA beschränkt. Die Weltwirtschaft würde allein schon wegen der Leitfunktion der USA in Mitleidenschaft gezogen. Diese globalen Folgen werden durch die Öl-preisentwicklung belegt. Kommt es zur Ölverknappung bzw. Erhöhung des Öl-preises, dann leiden darunter alle Länder im Ausmaß ihrer Abhängigkeit von die-ser Energiequelle - auch wenn sie sich gegen diesen Krieg ausgesprochen haben. Nicht nur wegen seiner ökonomisch engen Verzahnung mit den USA würde Deutschland relativ stark durch die gesamten Kriegskosten belastet.
Mit Blick auf die Schwerpunkte im Nordhaus-Tableau sind für Deutschland die unterschiedli-chen Ebenen der ökonomischen Belastung wie folgt zu bewerten:
Belastungen der öffentlichen Haushalte
1. Direkte Kosten für die Militäraktion entstehen im Ausmaß der Beteiligung an dem Krieg. Nach dem derzeitigen Stand sollen Soldaten nicht direkt in den Krieg einbezogen werden. Die Hilfe soll sich auf logistische Arbeiten und Überwa-chungsleistungen reduzieren. Derzeit sind die Kosten für logistische Leistungen durch die Bundeswehr mangels Angaben über das Ausmaß des (indirekten) Ein-satzes nicht möglich. Sollten Kosten anfallen, ist wohl mit einer Umschichtung im Verteidigungshaushalt zu rechnen.
2. Derzeit ist unklar, inwieweit die USA erfolgreich Druck auf Deutschland aus-üben wird, sich an den Kosten des Militärschlags zu beteiligen. Im letzten Golf-krieg nach der Besetzung Kuweits durch den Irak 1991 ist nach Angaben des Bundesfinanzministeriums eine Beteiligung im Umfang von 17,2 Mrd. DM er-folgt. Die meisten Ausgaben dienten der Sicherstellung des Nachschubs von Mu-nition, Transportmittel sowie der Zahlung von Finanzhilfen an die USA. Es sollte der Grundsatz gelten: ein Land, das den Krieg nicht unterstützt, darf auch nicht an dessen Finanzierung be-teiligt werden. 3. An humanitären Hilfeleistungen sowie am Wiederaufbau des Iraks wird sich Deutschland sicherlich beteiligen (Gesamtvolumen im ungünstigsten Fall 605 Mrd. $).
4. Da vor allem bei anhaltenden kriegerischen Auseinandersetzungen von einem wachsenden internationalen Terrorismus auszugehen ist, werden die öffentlichen Ausgaben für Sicherheitssysteme deutlich zunehmen.
Der absehbare Anstieg kriegsbedingter Ausgaben wird zur Belastung der öffentli-chen Haushalte - insbesondere im Bundeshaushalt führen. Die erste Welle derar-tiger Ausgaben nach dem 11. September ist durch die Anhebung der Versiche-rungs- und Tabaksteuer finanziert worden. Für die künftige Finanzierung stehen Ausgabenkürzungen an anderer Stelle, Steuererhöhungen oder der Anstieg der Staatsverschuldung zur Verfügung. Neue Verteilungskonflikte sind etwa nach dem Motto - Sicherheit statt Bildung - vorprogrammiert.
Gesamtwirtschaftliche Folgekosten
5. Der jüngste Anstieg des Ölpreises auf über 30 $ je Barrel ist bereits auf die Planung eines Militärschlags gegen den Irak zurückzuführen. Kenner des Öl-markts gehen davon aus, dass heute schon 5-7 $ pro Barrel durch die erwarteten Kriegsfolgen "eingepreist sind". Damit ist die zuletzt im Januar präsen-tierte Prog-nose zum Wirtschaftswachstum mit ohnehin nur 0,6% für dieses Jahr bereits Ma-kula-tur. Sie basiert auf der Annahme, der Ölpreis werde sich im Frühjahr bei 25 $ be-wegen. Gegenüber dieser Prognosenannahme liegt bei 30 $ die Ölrech-nung um 4 Mrd. € höher. Steigt der Ölpreis auf 35 $ so kommen nochmals 8 Mrd. € hinzu. Die Folgen der Ölpreiserhöhung sind: Rückgang des privaten Konsums, Kosten-steigerungen in der Wirtschaft und damit sinkende Ausrüstungsinvestitionen und steigende Ausgaben des Staates. Soweit versucht wird, die Kostensteigerung über die Preise zu überwälzen, steigt die Inflationsrate. Die Gefahr ist dann groß, dass die Europäische Zentral-bank die Inflation zum Anlass nimmt, den durch die stei-gende Ölrechnung gesenkten inländischen Verteilungsspielraum durch eine re-striktive Geldpolitik durchzusetzen. Die privatwirtschaftliche Investitionsbereit-schaft würde zusätzlich belastet. Zusammen mit der ohnehin sich ver-tiefenden Vertrauenskrise führt der Ölpreisanstieg letztlich zum Abschwung der Konjunk-tur. Die Arbeitslosigkeit steigt. Die staatlichen Einnahmen sinken, während die Krisenkosten durch die ansteigende Arbeitslosigkeit in den öffentlichen Haushal-ten zunehmen. Der Druck auf eine Einsparpolitik zur Vermeidung einer Auswei-tung der öf-fentlichen Schuldenaufnahme im Sinne der Maastricht-Kriterien nimmt zu. Die Konjunktur würde zusätzlich durch den Rückgang von öffentlichen Aus-gaben für die Wirtschaft belastet.
Bei einer über ein Jahr andauernden Erhöhung des Ölpreises um 10 $ je Barrel sinkt das Wirtschaftswachstum in Deutschland um 0,3 Prozentpunkte; die abso-lute Einbuße beträgt 6 Mrd. €. Der private Konsum sinkt um 0,2 Prozentpunkt, die Ausrüstungsinvestitionen um 0,4 Prozentpunkte. Die Inflationsrate steigt um 0,5 Prozentpunkte.
6. In der Gesamtwirkung droht durch einen Krieg gegen den Irak die derzeit oh-nehin nur stagnative Konjunkturentwicklung in eine Rezession umzu-kippen. Über den Ölpreisschock hinaus treiben weitere Rückwirkungen die Konjunktur Deutschlands in die Abwärtsspi-rale: Neuere Unter-suchungen belegen die gewach-sene Abhängigkeit der kon-junkturellen Entwicklung Deutschlands von der der USA. Insoweit schlägt die von Nordhaus beim "worst case" erwartete tiefe Rezes-sion der US-Wirtschaft auch auf Deutschland durch. Wegen der hohen Export-quoten kommt es bei einer krisenhaften Entwicklung der Weltwirtschaft zu zu-sätzlichen Belastungen der deutschen Wirtschaft. Unternehmen sehen sich darüber hinaus gezwungen, stei-gende Ölpreise und Kosten für zusätzliche Sicherheit ge-genüber Terroranschlägen über die Preise zu überwälzen. Bei den gesamtwirt-schaftlichen Folgen eines Kriegs gegen den Irak ist auch die Veränderung der Wechselkurse zu berücksich-tigen. Oft wurde der US$ in Krisenzeiten als sicherer Hafen angesteuert und wertete deshalb auf. Als Kriegspartei an sich sowie wegen der wachsenden Risiken durch Terroran-schläge wird die USA jedoch mit einer Abwertung ihrer Währung rechnen müssen. Die Kriegsfolgen sind in der jüngsten Abwertung des $ bereits "eingepreist". Eine Abwertung des $ gegenüber dem € - Aufwertung des € - verteuert die Rechnung für die deutschen Exporte in dieser Währung. Weichen die ausländischen Kunden wegen der verteuerten Waren aus Deutschland auf die internationalen Konkurrenten aus, sinken die Ex-porte. Re-agieren die deutschen Unternehmen mit Preissenkungen, dann gehen die Erlöse und mit diesen die sinken die Gewinne zurück. Der Gesamteffekt ist jedoch recht gering, weil gut zwei Fünftel der Ausfuhren in die Länder der Eurozone fließen. Eine Abwertung des Dollar gegenüber dem Euro um 10 % verringert den Zu-wachs des deutschen Bruttoinlandsprodukts um 0,3%.
Durch die Abwertung des $ werden allerdings die Importe, die in dieser Währung bezahlt werden, billiger. Der durch die Ölpreisexplosion und wachsende Kosten der Sicherheit zu erwartende Anstieg der Inflationsrate wird gedämpft und der Druck auf die Europäische Zentralbank in Richtung restriktiver Geldpolitik abge-schwächt. Wegen der hohen deutschen Importquote aus dem Euroland fällt jedoch dieser Entlastungseffekt recht gering aus.
Die einzelnen, hier genannten Faktoren, wie die Vertrauenskrise überhaupt, füh-ren zu pessimistischen Gewinnerwartungen bei den Unternehmen. Da sich in der Kursentwicklung der Börsen künftige Gewinne widerspiegeln, sind weitere Kurs-verluste an der Börse vorprogrammiert. Dar-über können auch die kurzfristi-gen Kursgewinne bei Unternehmen der Rüstungs- und Sicher-heitswirtschaft nicht hinweg täuschen ("buy cannons, sell trumpets"). Kursverluste und damit sinken-des Geldvermögen reduzieren den privaten Konsum in Deutschland - allerdings erheblich schwächer als in den USA. Die anhaltend hohen Kursverluste werden jedoch auch als Indiz für niedrige Einkommenszuwächse und steigende Arbeitslo-sigkeit wahrgenommen. Die Folge sind Einschränkungen beim Konsum - auch durch Angstsparen. Allerdings fällt gegenüber den USA dieser Konsumverzicht erheblich gerin-ger aus, da die Vermögensbildung in Form von Aktien in Deutschland eine be-deutend geringere Rolle spielt. Verluste bei den Aktienkursen sowie überhaupt wachsenden Probleme bei der Besorgung von Kapital an den Börsen belasten auch die Unternehmensinvestitionen. Sinkende Aktienkurse ver-stärken die Bewegung auf der gesamtwirtschaftlichen Abwärtsspirale.
Eine Modellrechnung zeigt, die Halbierung der Aktienkurse führt zu Einschrän-kung des privaten Konsums um 0,2-0,8% und löst die Abnahme der Unterneh-mensinvestitionen um 0,6% aus.
Die hier beschriebenen endogenen Belastungen werden durch wirtschaftspoliti-sche Reaktionen verstärkt. Die Geldpolitik, die sich zur Stabilisierung des Preis-niveaus vor allem gegen die ölpreisbedingte Inflation richtet, wird restriktiv aus-gerichtet werden. Ergänzend wird die Finanzpolitik unter dem Druck der Maastricht- bzw. Amsterdam - Kriterien versuchen, die durch sinkendes Wirt-schaftswachs-tum und steigende Arbeitslosigkeit zu erwartenden Einnahmeausfälle und wach-sende Krisenkosten durch weitere Einsparungen bei den Ausgaben und/oder Steu-ererhöhungen aufzufangen. Unter dem Regime des Irak-Kriegs ist der Absturz in die Rezession in Deutsch-land sehr wahrscheinlich. Die Folge wäre ein bedeuten-der Anstieg der Arbeitslo-sigkeit.
Fazit: Der Irakkrieg führt zu hohen gesamtwirtschaftlichen Kosten und damit zur Belastung der Weltwirtschaft nicht in den Metropolen. Wirtschaft-liche Re-zession und Arbeitslosigkeit sind die Folge. Deshalb reicht es nicht aus, zu erklä-ren, man beteilige sich nicht an dem Krieg. Vielmehr müssen durch die deutsche Politik alle Möglichkeiten genutzt werden, diesen Krieg zu vermeiden. Friedens-politik ist zugleich ein Beitrag zur Stärkung der Wirtschaft und der öf-fentlichen Haushalte. Friedenspolitisch wie ökonomisch sind die Aktivi-täten der Bundesregierung zu-sammen mit den anderen Ländern zur Vermeidung dieses Krieges schlichtweg verantwortungsvoll, weil vernünftig.
Prof. Dr. Rudolf Hickel
Institut für Arbeit und Wirtschaft (IAW) Fachbereich Wirtschaftswissenschaft: EWIG: Europäisches Institut für Wirtschaft, Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik Homepage www.iaw.uni-bremen.de/rhickel/
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